Klaus-Peter Jörns

Vorwort

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Vorwort

 
Das Christentum muß Abschied nehmen von einer Phase seiner Entwicklung, in der es sich wie die Raupe des Schmetterlings verpuppt hat. Der Schmetterling auf dem Titelbild hat seine letzte große Metamorphose schon hinter sich, hat sein Ziel erreicht. Er ist geworden, was er sein sollte: seine Imago, wie Biologen sagen. Der Kokon bleibt leer zurück, während der Schmetterling in schöner neuer Gestalt auf dem Zweig emporsteigt.
 
So weit ist das Christentum noch nicht gekommen. Wenn es seine Gestalt wandeln und das ihm eingegebene Bild erreichen will, muß es einen zweifachen Prozeß durchleben. Es muß sich besinnen auf den Ursprung seiner Imago, Jesus Christus, und zugleich zu ihr hinfinden. So kann es werden, was es sein soll: die Verkörperung der Liebe Gottes in der Welt. Dazu muß das Christentum herauskommen aus einer zur starren Hülle gewordenen Konstruktion von Glaubensvorstellungen, die Jesus Christus eingesponnen haben wie eine Schmetterlingspuppe. Deshalb geht es um notwendige Abschiede. Nur wenn es den Kokon verläßt, kann das Christentum zu sich selbst finden. Diese Abschiede zu vollziehen, hat also nichts mit Destruktion zu tun, sondern mit einem notwendigen Gestaltwandel. Ich hoffe, daß sich viele, die jetzt dem christlichen Glauben eher fernstehen, (wieder) einbeziehen lassen in das Reden über Gott und die Welt.
 
Das 3. Jahrtausend hat mit großen Auseinandersetzungen begonnen, die ohne ihre kulturelle und religiöse Dimension nicht verstanden werden können. Angesichts dessen müssen wir mehr tun, als den anderen Religionen gegenüber den unsäglichen „Absolutheitsanspruch“ aufzugeben, die Wahrheit zu besitzen, und falsche Vorstellungen von anderen Religionen abzubauen – so wichtig das, für sich genommen, jeweils auch ist. Aber noch wichtiger ist es zu fragen, ob die Schrift gewordenen Glaubensvorstellungen der Christen selbst noch glaubwürdig sind. Dabei reicht es nicht mehr zu fordern, daß Glaubenssätze biblisch legitimiert sein müssen. Dieses Instrument hat sich zwar in der Reformation bewährt, um Wildwüchse einer Kirche zurückzuschneiden, die das Heil gegen bare Münze und andere Leistungen verkaufte. Aber inzwischen kommen wir nicht mehr an der Einsicht vorbei, daß viele Glaubensvorstellungen unglaubwürdig geworden sind, obwohl sie sich aus der Bibel herleiten lassen. Denn wir müssen unseren Glauben heute nicht mehr allein vor der Bibel, sondern auch vor der Geschichte verantworten. Das führt zu dringenden Rückfragen an unsere religiösen Überlieferungen und die darauf aufbauenden dogmatischen Systeme. Aber es führt auch zu notwendigen Abschieden, wenn wir durch theologische Kritik feststellen müssen, daß wir bestimmte Glaubensvorstellungen nicht mehr verantworten können. Von solchen Abschieden handelt der zweite Teil des Buches.
 
Es versteht sich von selbst, daß ich nur einige mir besonders fragwürdige Glaubensvorstellungen ansprechen kann. Diejenigen, die ich ausgewählt habe, sollen aber einen Anfang machen mit der Arbeit am religiösen Gedächtnis, wie ich sie im dritten Teil des Buches beschreibe. Ich gehe davon aus, daß der jüdisch-christliche Doppelkanon, den wir unsere Bibel nennen, eingebettet ist in eine universale ‚Wahrnehmungsgeschichte Gottes’. Deshalb spielen in diesem Buch auch andere religiöse Überlieferungen als biblische eine Rolle. Wer davon überzeugt ist wie ich, daß alle Religionen einen positiven Sinn haben, muß fremden Überlieferungen einen anderen Platz anbieten als den, den wir ihnen bisher zugewiesen hatten. Haben sie mit Gott zu tun, muß sich auch
Theologie mit ihnen beschäftigen – so schwer uns das aufgrund unserer einseitig auf die Bibel fixierten theologischen Ausbildung auch noch fällt.
 
1985 habe ich in einem großen Hindu-Tempel in Madurai/Südindien erlebt, wie unter dessen vielen Dächern nebeneinander die unterschiedlichsten Formen von Spiritualität Platz hatten. Da habe ich mit Fremdheitsgefühlen an Europa zurückgedacht und an die Bemühungen der Christen, den Glauben zu normieren und Identität vor allem dadurch zu finden, daß man sich von anderen abgrenzt. Ähnlich ging es mir schon als Schüler bei Studienreisen nach Italien durch die Begegnung mit der etruskischen, römischen und hellenistischen Kultur. Außerdem hatte ich das Glück, am Anfang meines Theologiestudiums 1959 und später dann zusammen mit Berliner Theologiestudierenden immer wieder in der Benediktiner-Abtei Maria Laach zu Gast sein zu können. Die liturgiewissenschaftlichen Seminare, die ich dort zusammen mit Pater Angelus Häußling habe durchführen, und die Gottesdienste, die wir haben mitfeiern können, haben mir klar gemacht, daß die konfessionelle Vielfalt des Christentums ein Gottesgeschenk ist. Sie ist unbedingt zu bewahren. Das verlangt allerdings, daß wir die Unterschiede anders als bisher bewerten: nicht von der hybriden Frage her, wer die Wahrheit kennt, sondern als parallele Spuren der einen großen ‚Wahrnehmungsgeschichte Gottes’. Ihr gilt deshalb auch das besondere Augenmerk dieses Buches. Aléxandros Papaderós, Initiator und Leiter der Orthodoxen Akademie auf Kreta, hat mir den Zugang zur Eigenart der Orthodoxie zu öffnen begonnen. Daß Kreta die Wiege Europas ist, habe ich schon verstanden. Aber mein Buch zeigt auch, wie viel ich von ihm und anderen noch zu lernen habe.
 
Im ersten Teil behandele ich die Lage des Christentums in unserer Gesellschaft: es ist eine vielfach gespaltene Situation. Sie gibt zu erkennen, daß sich das offizielle Christentum ‚verpuppt’ hat, gleichzeitig aber Aufbrüche zu erkennen sind, die sich schon außerhalb der traditionellen Strukturen bewegen. Diese Situation zu verstehen, verlangt, auf kulturelle und religionssoziologisch faßbare Veränderungen einzugehen. Dabei spreche ich bewußt vom Christentum und nur dann von der evangelischen oder römisch-katholischen Kirche, wenn es ausdrücklich um die eine oder die andere Kirche geht. Vor allem aber verlangt die Situation, daß das Christentum sich selbst als Religion wie jede andere sehen lernt. Erst dann wird es gelingen, die schöpferische Kraft des Glaubens wieder zu entdecken – eine Aufgabe, für die Eugen Biser seit langem eintritt. Nach Biser wirken im Glauben der Glaubende (Christ) und der Geglaubte (Christus) zusammen auf dasselbe Ziel hin. Denn der „Geglaubte tritt aus dem Schrein der Vergegenständlichungen hervor; der ‚Herr’ steigt vom Podest seines Herrentums herab; und der zur Lehre Verfestigte beginnt auf neue spirituell-therapeutische Weise zu lehren.“ Biser hat sogar die Aussage riskiert, daß sich inzwischen die Anzeichen dafür mehren, „daß sich der Geglaubte effektiv und fühlbar in den Glaubensvollzug einmischt.“ Eigentlich heißt das, vom geglaubten, im Geist gegenwärtigen Gott etwas Selbstverständliches zu sagen. Doch: Wer rechnet in Theologie und Kirche schon damit, daß Christus sich „effektiv und fühlbar ... einmischt“? Und wer will eigentlich, daß er das tut?
 
Zwei Theologen und Freunde haben mich in der Gewißheit der Geistesgegenwart Gottes bestärkt: Walter Neidhart (1917-2001) und Eugen Biser, zwei Männer von ansteckender persönlicher Unerschrockenheit. Durch viele Gespräche und manche Form der Zusammenarbeit sind mir auch Carsten Colpe, Christof Gestrich, Harald Hartung, Kurt Hübner und Peter Welten zu Freunden geworden. Daß manches Thema unter uns inzwischen strittig geworden ist, ändert daran nichts. Mit ihnen allen aber habe ich begriffen, warum Platon und Jesus das Gespräch und die Weggemeinschaft so hoch bewertet haben. Deshalb sei ihnen dieses Buch eine herzliche Dankes- und Freundesgabe.
 
Es hat aber noch viele andere Gespräche gegeben, aus denen dieses Buch über Jahre hin gewachsen ist: im Freundes- und Verwandtenkreis, mit Pfarrerinnen und Pfarrern bei Pfarrkonventen und mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern an anderen Tagungen. Beim Schreiben sind mir aber auch immer kritische Menschen vor Augen gewesen, die ich als Theologiestudierende in Berlin oder als Vikarinnen und Vikare am Theologischen Seminar in Herborn/Dillkreis kennen gelernt hatte, sowie Menschen in den Gemeinden, in denen ich Vikar (Brühl/Köln) und Pfarrer (Kölschhausen/Aßlar und Gödenroth/Hunsrück) gewesen bin. Manche wollten freikommen von Glaubensvorstellungen, die sie ängstigten, andere wollten heraus aus einem geschlossenen Glaubenssystem, in dem ihr Leben nicht vorkam. Die Notwendigkeit, mich noch einmal neu, auf einer ganz elementaren Ebene, mit den christlichen Überlieferungen auseinanderzusetzen, habe ich im Umgang mit einer Konfirmandengruppe erkannt, mit der ich von 1993 bis 1995 in Berlin-Wannsee eine gute Zeit verbracht habe (meine Tochter Ayescha war dabei), und durch das Predigen im Wannseer Familiengottesdienst. Aber natürlich stellten auch die Ergebnisse unserer Berliner Umfrage („Die neuen Gesichter Gottes“, 2. Aufl. München 1999) eine große Herausforderung dar. Nach dem Umzug nach Bayern sind dann die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seniorenstudiums der Ludwig-Maximilians-Universität in München als neue Gesprächspartner und -partnerinnen hinzugekommen: Menschen, die ohne Scheuklappen den offenen Fragen ihres Lebens nachgehen. Durch diese Begegnungen ist mir nach und nach klar geworden, daß die Abschiede, von denen das Buch handelt, dringlich sind und auch dann vollzogen werden müssen, wenn es bequemer wäre,  sie zu vermeiden.
 
Einen besonderen Dank schulde ich denen, die das wachsende Manuskript in unterschiedlichen Phasen gelesen und mit Rückfragen, Vorschlägen und vielen Hinweisen gefördert haben: meiner Frau Wiltrud Kernstock-Jörns zuerst, und meiner Tochter Ayescha, die die Grundidee zum Titelbild hatte; aber auch Wolfgang Ullmann in Berg und Sabine Arnold in München, Albrecht Rademacher in Falkensee/Berlin und Carsten Großeholz in Berlin. Das waren Freundschafts-, ja, Liebesdienste besonderer Art, weil sie mich noch einmal in andere Lebenserfahrungen verwickelt – und mir vor allem Mut gemacht haben. Das hat gut getan. Diedrich Steen, der Lektor in Gütersloh, hat sich als freundschaftlicher Geist erwiesen: im Gespräch, am Manuskript, in den Regularien. Mut machend war auch er in jeder Phase der Zusammenarbeit. Dafür danke ich ihm sehr.
 
 Berg/Starnberger See, im Juni 2004  Klaus-Peter Jörns