Klaus-Peter Jörns

Vorwort

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Vorwort

 
Es ist an der Zeit, dass die Kirchen über ihren Schatten springen. Der Schatten besteht aus einer ganzen Reihe von Glaubensvorstellungen, die im kulturellen Gedächtnis des späten Altertums verankert sind und nicht nur die Theologiegeschichte, sondern auch die Entwicklung der christlichen Liturgien hin zur Messfeier und ihren Modifikationen geprägt haben. Beispielhaft dafür ist der Einfluss, der von den Opfer- und speziell Sühnopferkulten im jüdischen und im griechisch-römischen Bereich der hellenistischen Kultur auf christliche Theologien und Liturgien ausgegangen ist. Mit der Art, wie Jesus mit seinen Jüngern das Mahl – auch das letzte – gehalten hat, und mit seiner Verkündigung vom bedingungslos liebenden Gott hat das Modell einer christlichen Opfermahlfeier nur noch wenig zu tun. Denn am Höhepunkt der Liturgie, in der Feier der Eucharistie bzw. des Abendmahls, wird der gewaltsame Tod Jesu als ein Ereignis vergegenwärtigt, das einem göttlichen Muss gefolgt sei. Und dieses Gedenken wird immer noch in Anlehnung an jüdische und hellenistische Opferrituale als Blutritus inszeniert, durch den Gott den neuen Bund – lateinisch: das »Neue Testament« – mit den Christen als dem neuen Gottesvolk gestiftet und geschlossen habe. Dadurch wurde auch der christliche Gott wieder mit den alten Opferritualen und ihren auf Blutriten basierenden Vorstellungen von göttlicher Gnade verbunden. Zugleich aber, und nicht weniger verhängnisvoll, wurde der von den alten Ägyptern erdachte und von den Juden weiter vertiefte Glaube, als Volk von Gott erwählt zu sein, von der Kirche übernommen, auf sich bezogen und perfektioniert.
 
Die revolutionären Vorgaben Jesu sind dabei in den Hintergrund geraten und zu einem gewichtigen Teil unkenntlich gemacht worden, obwohl sie Konsequenzen für einen christlichen Gottesdienst hätten haben müssen. Diese Vorgaben gehen über die liturgische Verwendung des Vaterunsers hinaus und haben mit Jesu neuem Verständnis sowohl von Gott als auch von der Würde der Menschen zu tun. Denn Jesus hatte, wie die Evangelien erzählen, die Menschen in seiner Nachfolge bevollmächtigt, einander ihre Sünden zu vergeben – und zwar außerhalb jedes gottesdienstlichen Ritus. Davon lässt der heutige kirchliche Umgang mit der Sündenvergebung nicht mehr viel erkennen. Außerdem ist in der Verkündigung Jesu nichts zu finden, was es rechtfertigte, seinen gewaltsamen Tod als ein Sühnopfer zu verstehen, durch das das Verhältnis Gottes zu den Menschen und umgekehrt das Verhältnis der Menschen zu Gott in irgendeiner Weise verändert worden wäre.
 
Da die Vorgaben Jesu bislang noch nicht ausreichend wahrgenommen und liturgisch umgesetzt worden sind, gibt es dringlichen Nachholbedarf im Blick auf eine kritische Sichtung der Liturgiegeschichte. Denn wirkliche Reformen in der Kirche werden, wie sich gezeigt hat, zuallerletzt durch Veränderungen in den Leitungsebenen und Verwaltungsstrukturen erreicht. Nur die Bereitschaft, sich mit dem kirchlichen Erbe inhaltlich auseinanderzusetzen und den Bezug zu Jesus erkennbar wieder herzustellen, kann »das Profil der Kirche schärfen«, wie es jetzt so oft gefordert wird. Dazu gehört, theologischen und liturgischen Ballast abzuwerfen, der sich in der Kirchengeschichte angesammelt hat.
 
Nach den Vorgaben Jesu für Theologie und Liturgie zu fragen, verlangt die befreiende Kraft des von ihm gelebten Evangeliums. Denn als Christen berufen wir uns auf Jesus. Zugleich aber können wir unser verändertes historisches Bewusstsein nicht beiseite schieben. Also müssen wir unterscheiden zwischen dem, was wir durch die neutestamentlichen Texte hindurch von Jesus wissen, und dem, was seine biblischen Zeugen im Rahmen ihrer religiösen Vorprägungen als Evangelium verstanden und überliefert haben. Und da gilt die Regel: Die Zeugen stehen nicht über dem Bezeugten. Deshalb ist es mit Neuinterpretationen der biblischen Überlieferungen allein nicht mehr getan. Ständiges Neuinterpretieren alter Texte und Vorstellungen ist eine interessante Beschäftigung für Theologinnen und Theologen. Aber die Gläubigen, die am Gottesdienst teilnehmen, bleiben dem, was sie hören, sehen und singen müssen, mehr oder minder hilflos ausgeliefert. Ganz zu schweigen davon, dass sie wenig oder gar nichts von der Wirkung wissen, die manche Riten in der Liturgie – wie zum Beispiel ein Blutritus – und manche Symbole wie das allgegenwärtige Kreuz in uns auslösen können. Nicht zuletzt vom Glauben an den im Geist gegenwärtigen Gott her haben die Gläubigen ein Recht darauf, mit Liturgien Gottesdienst zu feiern, die zu der Kultur passen, in der sie leben. »Passen« schließt nicht aus, dass sie eine kritische Funktion in der Kultur haben. Aber das setzt auch voraus, dass die Kultur liturgisch wahrgenommen wird.
 
Wer sich auf diese Weise dem Thema Lebensbezug widmet, kommt allerdings zwangsläufig in Konflikt mit der traditionellen Liturgik und oft auch mit der Dogmatik. Denn beide haben die Neigung, am Anfang der Kirchen- und Liturgiegeschichte entstandene Vorstellungen für zeitlosgültig zu halten. Doch diese Traditionen sind – wie schon die biblischen – in vielem Produkte ihrer jeweiligen Kultur und keinesfalls zeitlos gültig. Für sie zeitlose Gültigkeit zu behaupten, ist ungeschichtlich gedacht. Daher lade ich dazu ein, die Grundstruktur der traditionellen Abendmahls- und Eucharistieliturgien und ihr Menschenbild, aber auch die dem antiken Hofzeremoniell entlehnten Elemente, kritisch zu untersuchen, mit Teilen ihrer Wirkungsgeschichte zu konfrontieren und nach einer neuen Liturgie zu suchen. Das werden viele ärgerlich finden, die sich mit den Liturgiereformen des Zweiten Vaticanums auf katholischer Seite und dem »Evangelischen Gottesdienstbuch« von 1999 auf evangelischer Seite arrangiert haben. Trotzdem finde ich die Hoffnung wichtiger, dass wir zu einer Theologie und Liturgie kommen, die den Auferstandenen wieder stärker mit dem Evangelium des irdischen Jesus verbindet und sich endlich und konsequent von antiken Opfermahlfeiern und von Erwählungsvorstellungen verabschieden. Denn Gottesdienst soll die schöne und schwere Freiheit des Glaubens genießen helfen, die uns Jesus eröffnet hat. Für sie hat er gelebt, und ihretwegen ist er hingerichtet worden.
 
Darum werde ich den Vorgaben Jesu nachgehen. Ich konfrontiere damit die Entwicklung, die zur Messliturgie geführt hat, und stelle nach den notwendigen Vorarbeiten eine neue Liturgie mit Variationen vor. Die historische Kritik biblischer Überlieferungen ist nach meiner Einsicht nicht zu Ende gedacht, wenn sie nicht in eine konstruktive theologische Kritik mündet. Selbstverständlich ist die von mir vorgelegte Liturgie nur ein Vorschlag und erhebt keinen Anspruch darauf, alternativlos zu sein. Die Zeit für genormte Liturgien scheint ohnehin vorbei zu sein. Die neue Liturgie ist in ihrem Grundtyp inzwischen mehrfach erprobt – und dabei vielfach verändert worden, nicht zuletzt unter dem Einfluss von Menschen, die mit anderen Liturgien gute Erfahrungen gemacht haben. Jede Gemeinde, die mit ihr – in veränderter oder unveränderter Form – eigene Erfahrungen machen möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Für Kritik und Anregungen bin ich dankbar.
 
Auch mit diesem Buch möchte ich keinesfalls nur theologische Fachleute ansprechen, sondern alle, die am Gottesdienst interessiert sind. Dass ich auch auf liturgiegeschichtliche Sachverhalte eingehe, ist notwendig. 
Denn eine Reform des christlichen Gottesdienstes verlangt zuerst zu verstehen, dass christliche Liturgien, auch wenn sie heilig genannt werden, nicht vom Himmel gefallen, sondern geschichtlich, also langsam und nachvollziehbar, gewachsen sind und dabei unterschiedlichste Einflüsse aufgenommen haben. Liturgien sind parallel zu den sich verzweigenden Kirchentümern entstanden. Und deren Entstehung hat wiederum damit zu tun, dass sich christlicher Glaube im Laufe der Geschichte in konkreten Kulturen verankert und dabei ausdifferenziert hat, obwohl sich alle Kirchen und Konfessionen auf Jesus beriefen. Den Anstoß zu solcher Verschmelzung mit vorgegebenen kulturellen Erbschaften hat unser neutestamentlicher Kanon selbst gegeben. Indem er nicht nur ein Evangelium, sondern deren vier nebeneinander stellte, hat er die klare Einsicht ausgedrückt, dass christlicher Glaube unterschiedliche Gestalt annehmen muss, wenn er einen wirklichen Bezug zum Leben der Menschen in ihren differenten kulturellen Prägungen haben will.
 
Zwar hat alles, was im Glauben geschieht, mit dem Heiligen Geist zu tun. Aber das bedeutet nicht, dass der literarische Bestand der Bibel oder unsere Liturgien vom Heiligen Geist diktiert worden wären. Kanon und Liturgien wollen in ihrem geschichtlichen Werden verstanden – und nicht einfach nachgebetet werden. Arbeit am christlichen Gottesdienst kann heute nicht mehr darauf hinauslaufen, frühkirchliche Gottesdienstformen zu restaurieren. Das zu sagen, drückt keinen Hochmut aus. Es geht vielmehr um die eigene theologische Verantwortung und Redlichkeit und um die Bereitschaft, das christliche Erbe mit dem Selbstverständnis zu verbinden, mit dem wir in unserer Kultur leben. Die großen alten Bilder, die zum Teil schon in anderen Religionen entstanden sind, brauchen also nicht aufgegeben zu werden – aber manche Riten und Vorstellungen schon. Kriterium ist für mich dabei die Frage, was manche geschichtlichen Entwicklungen in Theologie und Liturgie noch mit Jesus zu tun haben, auf den wir uns doch berufen. Ich lege bei meinem Entwurf einen gewichtigen Akzent auf die Verkündigung Jesu, weil er der Grund unseres Glaubens ist.
 
In vielem stellt dieses Buch den Sprung über den eigenen Schatten dar. Dieser Sprung ist nicht leicht, zumal, wenn der Schatten der Geschichte so lang ist. Aber die Freude, es dann doch irgendwann geschafft zu haben, ist nicht gering zu schätzen. Ich wünsche sie allen, die den Sprung noch vor sich haben.
 
Ich habe Grund zum Danken: Zuerst Karl-Heinrich Bieritz, Ihlow, meinem Freund und Weggefährten seit 1982, dessen fachlich-kritischer Rat manches weitergeführt und anderes zurechtgerückt hat. Meine Bitte, das Manuskript gegenzulesen, hat wieder einmal ein Gespräch in Gang gesetzt, das uns beiden neue Zugänge zu einer äußerst spannenden, historisch aber verwickelten Phase der Liturgiegeschichte eröffnet hat. So macht theologische Arbeit wirklich Freude. Das gilt auch für die Gespräche mit Gerhart Herold, dem Theologen aus Holzkirchen, und Wolfgang Ullmann, dem Juristen aus Berg, den hiesigen Freunden. Sie sind das Manuskript von anderen Ansätzen und Interessen her mit mir durchgegangen. Ich danke ihnen von Herzen. Durch die Erfahrungen und Fragen, die sie eingebracht haben, ist das Buch in vielem zu einem Gespräch mit diesen drei Freunden geworden. Cordelia Heymann, Frankfurt/Main, danke ich herzlich für die Zeichnungen, die sie beigetragen und mit denen sie vertieft hat, was ich eine »Kreuzesmeditation« nenne. Schließlich danke ich auch dieses Mal meiner Tochter, Ayescha Jörns, von Herzen für ihre Hilfe bei den Korrekturarbeiten und Diedrich Steen für die Begleitung des Projekts von Anfang an.
 
Ein solches Buch entsteht nicht ohne Erfahrungen, die dazu ermutigen, alte Formen zu verlassen, wenn es notwendig ist. Die ersten Erfahrungen dieser Art habe ich mit den Vikarinnen und Vikaren in den Jahren 1978 bis 1981 am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn/Dill machen können. In der Berliner Zeit (1981 bis 1999) habe ich viele Jahre lang mit den Studierenden eine Gottesdienstform gefeiert, die aus einer gemeinsamen Schriftauslegung und der Complet bestand. Parallel dazu konnte ich in der Ev. Kirchengemeinde Berlin-Wannsee eine Gottesdienstordnung mitgestalten, in der sich in festem Turnus vier verschiedene Grundtypen ablösten. In Wannsee habe ich begonnen, Texte aus anderen Religionen im Gottesdienst zu verlesen. Besonders dankbar bin ich dafür, daß ich in Berg/Starnberger See seit zwei Jahren Vorstufen der nun veröffentlichten Liturgie mit der Gemeinde feiern kann. Den beiden Kirchengemeinden widme ich dieses Buch.
 
Berg am Starnberger See im November 2006
 
Klaus-Peter Jörns